Für Homosexuelle gibt´s nur die heimliche Segnung

Schorndorfer Nachrichten, 2018-03-20: Christlicher Glaube und Homosexualität war Thema bei "Stadtkirche am Abend"

Schorndorf. Die Bundesregierung hat die Ehe für alle beschlossen. In der evangelischen Landeskirche werden homosexuelle Paare weiter unter Ausschluss der Öffentlichkeit gesegnet. Deutliche Worte für ein mutiges Thema fand Brigitte Straßner, lesbische Pfarrerin im Ruhestand, im Rahmen der „Stadtkirche am Abend“.

Ihre Partnerschaft wurde über der Kfz-Zulassungsstelle im Landratsamt geschlossen. „Das Trauzimmer war wohl zu heilig“, sagte die Theologin, die seit 25 Jahren mit ihrer Partnerin zusammenlebt. Vor wenigen Tagen haben sie geheiratet. Das Ritual der kirchlichen Segnung „im Rahmen einer öffentlichen Amtshandlung vor einem Altar“ gibt es in der Landeskirche offiziell nicht. Gesegnet werden homosexuelle Paare unter Ausschluss der Öffentlichkeit, in Sakristeien, Wohnzimmern, auf Wiesen.
So war es auch bei Straßner und ihrer Partnerin: In einer Kirche, aber im Verborgenen erhielten sie den Segen. Rituale seien aber wichtig, „weil sie einen öffentlichen Charakter haben“. Unverständnis äußerte Straßner über die Reaktion eines ehemaligen Bischofs, der auf die Forderung, eine homosexuelle Lebensgemeinschaft unter den Segen Gottes zu stellen, gesagt haben soll: „Warum wollen Sie das auch noch?“ Straßner setzte sich in Opposition mit der Entscheidung der Synode im Jahr 2017: „Die öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften schließt die evangelische Landeskirche aus, obwohl die Regierung die Ehe für alle beschlossen hat.“

„Warum müssen sich Heterosexuelle nicht für ihre Lebensform outen?“

In Vorstellungsrunden hätte sie gerne gesagt, dass sie in einer Partnerschaft lebt und dass sie glücklich ist, blickte die Theologin zurück in die eigene Biografie. Doch ihre Beziehung zu einer Frau habe sie in den Anfängen geheimgehalten. Ihr erstes gemeinsames Dach hatte das junge Paar, als ihre Partnerin in Untermiete zu ihr ins Pfarrhaus eingezogen sei, erzählte Straßner. „Damals gab es noch keine eingetragene Lebenspartnerschaft für homosexuelle Paare.“ Das Lebenspartnerschaftsgesetz kam erst 2003, damit sei der erste Schritt gemacht worden. Viel sei in Bewegung geraten in den vergangenen 20 Jahren; „zaghafte“ wie auch „deutliche Öffnungen“ zeigten sich. Der zweite Durchbruch kam mit der 2017 beschlossenen „Ehe für alle“. Doch solange man sich mit seiner gewählten Lebensform noch „outen“ müsse, sei man noch lange nicht am Ziel der „versöhnten Verschiedenheit“ angelangt. Schon das Wort „Outing“ widerstrebe ihr, so Straßner. „Als ob es da etwas zu bekennen gäbe.“ Sie stellte die Gegenfrage: „Warum müssen sich Heterosexuelle nicht für ihre Lebensform outen?“

Eine Kultur des Schweigens 

Bis heute können homosexuelle Gemeindemitglieder nicht so leben, wie es der Autor Fulbert Steffensky, Ehemann von Dorothee Sölle, beschreibt: „Menschen möchten öffentlich die sein, die sie sind, sie dürsten nach Ende des Versteckspiels“. Ihnen werde ein Grundrecht vorenthalten, zu zeigen, wer sie sind. Man könne Menschen auch „vernichten, indem man sie in eine Kultur des Schweigens stößt“, zitierte Straßner aus seinem Buch „Das Haus, das die Träume verwaltet“.
Will Gott Vereinsfahnen segnen, aber Homosexuelle nicht?
 
Als Argumente der Synode gegen die Segnung höre sie: „Was Gott nicht segnet, können Menschen auch nicht segnen“. Straßner hielt dagegen: „Wusste und weiß die Kirche immer so genau, wem Gott seinen Segen geben will? Will er Fabriken, Flughäfen und Vereinsfahnen segnen?“ Als Motto für die gewünschte Segenszusage wählte sie die biblische Geschichte von Jakob, seinem Ringen mit Gott und dem Kampf um den Segen. „In dieser Geschichte zeigt sich, dass der Segen eine göttliche Kraft ist, aber zugleich eine menschliche Komponente hat“, so Straßner. Menschen seien „Beauftragte, um den Segen weiterzugeben“. Sie fühle sich seit langem von Gott gesegnet.
Die Lebenspraxis, als „Bittstellerin“ auftreten zu müssen, finde sie unwürdig. In den Gemeinden müssten „unterschiedliche sexuelle Identitäten und Beziehungen“ mehr als bisher anerkannt werden. Sie wünscht sich, dass eine Beziehung „nicht nach der Form beurteilt wird, sondern danach, wie die Partnerschaft und das familiäre Leben gestaltet werden“. Kirche dürfe nicht ausgrenzen, sondern „Ausgegrenzten einen öffentlichen Raum bieten“. Ziel müsse sein, dass die Kirche homosexuelle Gemeindemitglieder „nicht nur duldet, sondern ausdrücklich willkommen heißt“.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: Gaby Schneider

 

 

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